Qi Gong Übungen zur Kultivierung von Körper und Geist

Qi Gong und Selbststeuerung

IMG_0052Qi Gong, die Bewegungsübungen aus China stehen auf der Grundlage der chinesischen Medizin. In Deutschland werden sie meist häufig unter dem Titel „Entspannungsübungen“ angeboten. Diese Rubrik wird den Möglichkeiten und den Wirkungsbereichen leider gar nicht gerecht.

In China bezeichnet man sie als „Übungen zur Kultivierung von Körper und Geist“. Auf körperlicher Ebene ist es ein großer Vorteil, dass die Übungen einfach zu erlernen sind, auch für Menschen, die sich für unsportlich halten, oder in der Bewegung eingeschränkt sind. Es gibt Übungen im Stehen, Sitzen, Liegen. Auf körperlicherer Ebene kann das Übungskonzept angepasst werden auf möglichen Beschwerden. Zur Prävention können ganz sanfte nachhaltige Weise der Bewegungsapparat und das Herz- Kreislaufsystem gestärkt werden.

Ein großes Potential das häufig noch viel zu wenig genutzt wird liegt auf der psychischen Ebene.
Qi Gong bietet alle Aspekte die für nachhaltige Veränderung und selbstbestimmtes Lernen aus neurobiologischer Sicht notwendig sind.
Die Wirkung entfaltet und verankert sich durch regelmäßige Wiederholung, durch angstfreies Lernen in gelöster, vertrauensvoller Atmosphäre, durch das Einbeziehen verschiedener Sinne (die Bewegungen, ihre Bedeutung und Wirkungsweise auf Körper und Geist werden auf der intellektuellen Ebene erklärt, sie werden körperlich erfahren und gespürt, mit Musik kombiniert und auch durch Affirmationen unbewusste Ebenen angesprochen). Hinter jeder Bewegung steht ein Bild, eine Affirmation, die immer wiederholt mit der Bewegung verankert wird. Dabei geht es in der Bewegung und Affirmation immer um den Ausgleich, die Balance, die sich in der chinesischen Philosophie durch Yin und Yang spiegelt. Man erlernt sich in der Bewegung zu öffnen, aber auch fürsorglich zurückzuziehen, sich aufzurichten, aber auch Altes loszulassen, Neues zu wagen, aber auch mal mit dem Vorhandenen zufrieden zu sein. Dazu ist es nicht notwendig eine Vielzahl von komplizierten Bewegungen zu erlernen. In einfachen sanften Bewegungen, kann ich die Erfahrung machen, mich wieder wohl im eigenen Körper zu fühlen und wieder das Vertrauen in mich zu entwickeln, dass ich gut mich sorge. Durch die eigene Körperwahrnehmung wird die Wahrnehmung der eigenen Bedürfnisse geschult, was sich in einer gesunden Lebensführung ausdrückt.
Viele der Veränderungswünsche die uns auf intellektueller Ebene bewusst sind, finden aber nicht die Umsetzung, da alte Verhaltensmuster tief verankert sind und nicht rein auf der Eben des Verstandes neu gelegt werden können. Es hat sich eine Routine an ungesunden Verhaltensweisen auf körperlicher und geistiger Ebene manifestiert, deren wir uns oft gar nicht mehr bewusst sind.
In der Ruhe und Langsamkeit der Bewegungen, kann ich mich und meinen Körper wieder bewusst wahrnehmen. Wie eine Ruhe die auf einem See einkehrt, wenn sich die Wogen glätten, das Wasser sich klärt und so der Grund wieder sichtbar wird, so kann gerade beim Qi Gong, während meine Aufmerksamkeit nur auf der Wahrnehmung meiner Bewegung ruht, wieder eine Klarheit des Geistes eintreten. Im Alltag haben wir oft ein Gefühl der Hast, spüren einen Druck, Erwartungen erfüllen zu müssen und unser Verhalten wird durch Automatismen zwischen Reiz und Reaktion bestimmt. Ein Überfluss an Konsumartikeln, ständig verfügbare billige, aber häufig minderwertige Lebensmittel und Genussmittel, elektronische Geräte, die zur Kommunikation und zu sozialem Kontakt genutzt werden, biete viele Reize, die auch in ein Suchtverhalten führen können. Momente der Muße, der Besinnung auf die eigentlichen Bedürfnisse sind Mangelware und teils haben wir ganz verlernt mit diesen Momenten umzugehen und sie auszuhalten. Sie sind wichtig zur Selbstregulation und Selbstbestimmung. Beim Qi Gong kreiere ich Momente der Ruhe und stärke dabei darüber hinaus meinen Körper sanft. Gerade die wiederholten positiven Affirmationen stellen ein Bindeglied zwischen dem Trieb-, Basissystem und unserem Präfrontalem Cortex und somit eine Möglichkeit ungesunde Kreisläufe zu unterbrechen.
Menschen mit einer funktionierenden Selbststeuerung erleben signifikant mehr Glück und weniger Leid, Angst und Depressivität als jene, denen sie fehlt (siehe: Joachim Bauer „Selbststeuerung“, 2015, Blessing Verlag).
Beim Qi Gong werden beide Fundamentalsysteme, also das Trieb- und Basissystem, sowie das Aufbausystem im Präfrontalen Cortex versorgt und gestärkt. Es gilt die Selbstwahrnehmung und die Selbststeuerung zu stärken:
„Tut mir jetzt wirklich noch eine weitere Tasse Kaffee gut, oder schaffe ich mir besser die Möglichkeit ein paar Minuten zu ruhen und die Augen zu schließen?“, „Brauche ich wirklich noch ein weiteres Kleidungsstück, oder kann mich ein Telefonat mit einer Freundin nicht nachhaltiger erfreuen?“, „Muss ich wirklich schon wieder meine Emails checken, oder ist es besser mich ein wenig an der frischen Luft zu bewegen.“
Im „Qi Gong der Vier Jahreszeiten“, das von dem in Deutschland lebenden chinesischen Arzt Zheng Yi zusammengestellt wurde, wird auf bewährte Qi Gong Übungen zurückgegriffen und diese mit Affirmationen unterlegt, die dem europäischen Kulturkreis Rechnung tragen.
Katrin sw„Ich stehe fest und sicher auf beiden Füßen mitten im Leben“, „Ich gebe meinem Herzen Platz zum Atmen und zur Freude und weiß immer wieder zur Ruhe zu finden“, „Alles was mich stärkt, lasse ich in mein Leben hinein, alles was mich schwächt, halte ich fern“, …Die Affirmationen bleiben nicht auf der rationalen Ebene, sondern werden in der entsprechenden Qi Gong Bewegung auch körperlich erfahrbar. Um Veränderungen zu ermöglichen, wird den TeilnehmerInnen ein tägliches selbstständiges Üben sehr empfohlen. Dazu können die Übungen individuell zusammengestellt werden und die Affirmationen so ausgewählt, dass sie den Lebensumständen entsprechen. Im Unterricht, werden die Bewegungen vertieft und korrigiert, sowie das Übungskonzept, Veränderungen angepasst. Qi Gong als Kultivierungsübungen von Körper und Geist, können so einen Betrag leisten zur Entwicklung der Selbststeuerung die Gesundheit ermöglicht. Erfolgreich angewandt wird dieses Konzept bereits in psychosomatischen Klinken und in der Psychiatrie.

Autorin: Katrin Blumenberg (Zheng Yi Dao)

Siehe auch:
– Bauer, J.: Das Gedächnis des Körpers – Wie Beziehungen und Lebensstile unsere Gene steuern. Eichborn, Frankfurt am Main2010
– Kalenscher, T. und Strombach, T.: Die Macht der Versuchung. Gehrin und Geist 11, S. 62-67 (2013)
– Kornhuber, H.H. und Deecke, L.: Wille und Gehirn. Aisthesis Verlag, Edition Sirius, Bielefeld und Basel (2009)
– Roth, G.: Aus Sicht des Gehirns.Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main (2003)
– Schmidt, S.: Achtsamkeit – Ein buddhistisches Konzept erobert die Welt, Freiburger Universitätsblätter Heft 201 (2013)
– Spitzer, M.: Üben, sich im Griff zu haben. Nervenheilkunde 33:9-15 (2014)