Der Unterschied zwischen T’ai Chi Ch’uan und Qi Gong besteht im Umgang mit der erzeugten Energie.
Beim Qi Gong handelt es sich um ein System, bei dem die erzeugte und kultivierte Energie dazu genutzt wird, positive Veränderungen im Körper des Praktizierenden zu erzielen:
Bezogen auf den Umgang mit dieser Energie ist Qi Gong ein körperinternes System! Beim T’ai Chi Ch’uan handelt es sich um eine Kampfkunst deren Sinn darin besteht, körperliche Auseinandersetzungen möglichst unbeschadet zu überstehen. Alle anderen Komponenten sind diesem Ziel untergeordnet.
Es sollen fremde Energien aufgenommen und neutralisiert werden. Die eigene erzeugte und kultivierte Energie soll auf einen anderen Körper übertragen werden. Bezogen auf den Umgang mit dieser Energie ist T’ai Chi Ch’uan ein körperexternes
System!
Betrachtet man die beiden Systeme unter diesem Gesichtspunkt, erlangt man die Erkenntnis, dass über 90 % aller weltweit praktizierten T’ai Chi Ch’uan-Formen reines Qi Gong sind. Die Darstellung eines Unterschiedes ist dann reine Fiktion.
Chen Zhenglei vertritt sinngemäß diese Auffassung:
„A pinnacle objective in Chen Style Taijiquan is to cultivate a state where the entire body is permeated with Qi (vital energy) through neigong (internal skill). This integration of Qi with martial technique enables practitioners to execute movements with effortless power (hua jin), where combat efficacy arises not from muscular force, but from harmonized internal dynamics.“
Die Qi-Entwicklung ist für mich zentral zur Entwicklung von Taijiquan als Kampfkunst. Insofern baut Taijiquan auf Qigong auf. Sie sind keine Gegensätze.
Vieles, was sich in Deutschland Qi Gong oder Yoga nennt, übt sanfte, achtsame, westliche Gymnastik. Was im Westen als Kampfkunst gilt, betont häufig Kraft. In unserer Kultur verfolgen wir Ziele (Gesundheit, Fitness, Erfolg). Wir wollen etwas erreichen: geschickt, zeitoptimiert und zielorientiert. In östlichen Kulturen gilt die Aufmerksamkeit mehr der Beeinflussung von Gesamtzusammenhängen: gewandt, verbunden, prozessorientiert. Man verstand dort schon vor tausenden von Jahren, was hier erst seit der modernen Physik aufdämmert: dass alles Lebende in Systemen flimmert und wechselwirkt. Und in Systeme eingebettet ist. So betrachtet, ist jede Trennung , auch die zwischen Körperinternem und Körperexternem, künstlich. Nur Ungetrenntes kann fließen: ohne Reibungsverluste und Störungen. Mühelos.
Guten Tag,
ich möchte die obige Diskussionsgrundlage genauso unterschreiben!
Vielleicht könnte man aber einen zusätzlichen Gedanken hegen:
Wenn ich davon ausgehe, dass Qi Gong die Bindung der Aufmerksamkeit an einen bestimmten Bewegungsablauf ist, dann ist so ziemlich jeder Bewegungsablauf in dem Moment Qi Gong, in dem ich ihn erlerne. Erst mit Eintritt einer Routine können die Gedanken wieder abschweifen. Das Erlernen eines Instrumentes ist Meditation 😉
Liegestütze im Sinn der modernen „Body-Mind-Connection“ sind dann Qi Gong.
Und wenn ich beim Üben der T’ai Chi Form ständig einen imaginären Gegner verhaue, dann ist das, in diesem Sinn, auch Qi Gong.
Aber warum würde ich dann die obige These befürworten.
Weil der Übungsansatz in einem Kampfkunstsystem einzig und allein der Effektivität der Anwendung geschuldet ist und es den Übenden in diesen Zusammenhang sehr untergeordnet erschienen sein mag, ob dabei irgendwelche Meridiane geöffnet werden.
In der Übungswelt des Qi Gong ist aber das in den meisten Fällen das hehre Ziel.
Arbeite ich in dem inneren System des T’ai Chi Ch’uan unter dem Aspekt der bewussten gedanklichen Begleitung des Bewegungsablaufes zur Verbesserung meiner kämpferischen Fähigkeiten, dann ist der Prüfstein die Aufnahme und Abgabe von Kräften.
Unter diesem Gesichtspunkt (… und nur unter diesem!) könnte man also sagen:
„Jeder der T’ai Chi übt macht Qi Gong – aber nicht jeder der Qi Gong übt macht T’ai Chi!“
Da aber in der aktuellen T’ai Chi Szene kaum jemand in einem Sparring versucht mit realen Kräften umzugehen gilt, meiner Meinung nach, in 99 % aller Fälle nur der Halbsatz nach dem Minus 😉
Ich wünsche allen eine harmonische, fröhliche und respektvolle Diskussion.
Ulf Angerer
Lieber Ulf, du konzentrierst dich auf Wesentliches, lässt Überflüssiges weg und gelangst zu Klarheit. Deine Sicht zeigt einen Aspekt der Wirklichkeit, eindeutig wie ein Holzschnitt. In diesem Fall die Bedeutung der Faust im T’ai Chi Ch’uan. Ich betone tastend-neugierig-fühlende Fingerspitzen, und deshalb nenne ich das, was ich tue, Taiji. Diesen Begriff interpretiere ich als widerstandlos-fließende Dynamik von Gegensätzen in „Allem oder Nichts“ (Wuji). Gemeinsam ist uns vermutlich, wie wir mit äußeren Kräften umgehen: ohne Aggression, Aushalten, Flucht oder Zusammenbruch. Bei dir steht die Praxis der Selbstverteidigung im Vordergrund, bei mir ist es der Übertrag auf den Alltag körperlich-psychologischen Tuns, sei es bei der Gartenarbeit, der Geburtshilfe oder in Arbeitskonflikten. Mir half das Erleben von Taiji bei der Ausformung der Erfahrung, dass Gewaltanwendung weniger effektiv ist, als intelligentes, gewaltloses, friedvolles Verhalten. Gerade in Notsituationen. Natürlich abhängig von der Qualität von Einstellung, Herausreichen, Kontakt und Verbindung. Wenn ich Qi Gong unterrichte, können in einem sicher-unbewegten Raum innere Aspekte der Wirklichkeit stärker erlebt werden. Beides innere und äußere Beziehungen bedingen sich, wie Radnabe und Reifen.
Hab Dank für diese Ergänzung
Ich möchte gerne in dieser Diskussion folgende Punkte anmerken:
• Qigong bedeutet übersetzt „die Pflege/Übung der Lebensenergie“. Wenn ich diesen Begriff im weiteren Sinne verstehe, dann ist alles, was wir zur körperlichen und geistigen Ertüchtigung praktizieren, Qigong. Für mich würde hierunter auch jegliche harte oder weiche Kampfkunst fallen, genauso wie Meditation und Qigong im engeren Sinne.
• Selbst wenn ich Energie aufnehme, um diese zu verwandeln und umzuleiten, wie dies im Taiji passiert, benötige ich mein körperinternes System. Mir sind die Thesen von der Trennung „Qigong = köperinternes System und Taiji = körperexternes System“ somit zu pauschal und nicht trennbar. Denn auch wenn ich mein körperinternes System stärke, hat dies wiederum eine Auswirkung auf mein externes System. Letztlich spielt auch die Intension, mit welcher Ausrichtung ich Qi bewege, oder ihm folge, eine wichtige Rolle. Will ich mich verteidigen, will ich mich selbst nähren, will ich bewusst handeln oder wie im Chan Mi Gong, das eine spezielle Schule des Qigong ist, mich oder andere heilen, indem ich Energie aufnehme und auf andere übertrage.
Uneingeschränkt: Ja.Allerdings kann Lebensenergie durch vieles gepflegt werden. Durch Kunst, Musik, gewandte und entspannte Bewegung, Kommunikation, Essen, Friede … Viele Zugangsformen sind sehr wirksam für die, die sich achtsam und ernsthaft mit ihnen beschäftigen. QiGong hat etwas mit chinesischer Kultur zu tun. Es zu betreiben kann Westlern helfen, die Welt mit anders gestimmten inneren Sinnen wahrzunehmen und so etwas zu erleben, was sie bei europäischer Gymnastik oder Sport nicht so erfahren könnten.