Taiji-Quan ist zunächst Kampfkunst. Sie stammt von „Schwachen“, die sich gegen starke Soldaten oder Räuber wehren mussten. Einfache Menschen entwickelten effektive Selbstverteidigungstechniken, die später natürlich auch in Kampfeinheiten übernommen wurden.
Grundlegende Prinzipien („Wasser umfließt Erstarrtes“) werden in körperlich-psychischem Training erlebt und schließlich als körperliche Erfahrung verinnerlicht. Damit eröffnet sich allmählich die Möglichkeit, mit roher Gewalt anders umzugehen, als üblicherweise (mit Gegenkraft, Aushalten, Fliehen oder Kollaps). Zielorientiertes, geschicktes Gewinnenwollen verliert an Bedeutung. Stattdessen entwickelt sich die Bewegungs-Kunst: Gewandt und prozessorientiert mit einem Geschehen verbunden sein, vergleichbar mit Segeln oder Surfen. Eine Veränderung einer Situation wird nicht willentlich erzwungen, sondern ergibt sich aus Wechselwirkungen aller Wirkkräfte, die günstig beeinflusst werden.
So eröffnet sich die Möglichkeit, durch körperlich-psychisches Taiji-Training Friedensfähigkeit zu entwickeln. Es kann körperlich erlebbar verdeutlicht werden, dass gerade in Not, Bedrohung oder Stress, ruhiges, konsequentes, intelligentes Handeln wesentlich effektiver ist, als aus einer schwachen Position gegen Gewalt vorzugehen. Taiji-Körpererfahrung zeigt: Es ist möglich, zu gewinnen, ohne zu kämpfen.
Entscheidend dafür ist die innere Einstellung. Ist sie offen, ruhig und ausgeglichen, folgen Harmonie (jenseits von gewollten Zielen), Verbindungen, Beziehungen, Verstehen, Lernen, Austausch und Wechselwirkungen. Die Kultivierung dieser Kunst erfordert, wie jedes Handwerk, viel Übung und Geduld.
Das Erleben der philosophischen und körperlichen Grundprinzipien des Taiji kann hinführen zu einem friedlichen, harmonischen, bewegten und wechselwirkenden Ganzen. Diese Art der Lebenskunst kann auf viele Bereiche des Alltagslebens übertragen werden: andere Kunstformen, Handwerk, Sport, Heilungsprozesse, Management, Konfliktkommunikation u.v.a.
Über die Vermittlung von „Selbstverteidigung“ oder „Gesundheitsförderung“ hinaus, kann sich Taiji-Lehrenden also ein neues Wirkungs- und Entwicklungsfeld eröffnen. Sie können ihren Schüler:innen wirksame Alternativen zur vorherrschenden „Sicherheitslogik“ aufzeigen, die sich gegen etwas richtet, Kriegstüchtigkeit und Hochrüstung verlangt, und die letztlich zu Kriegen führt. Taiji-Lehrende können stattdessen Friedensfähigkeit fördern: die Kunst, unter schwierigsten Bedingungen ruhig zu bleiben, und friedvolle Entwicklungen zu bahnen. Taiji könnte (körperlich spürbar) die rein sprachliche „Gewaltfreie Kommunikation“ (GFK) ergänzen. Oder den sozialwissenschaftlichen Ansatz der „Friedenslogik“: Gewaltfreiheit und Entwicklung konstruktiver Beziehungssysteme. Die Kompetenzen der Taiji-Lehrenden könnten möglichst früh in Bewegung und Spiel an Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene vermittelt werden, in Schulen und Ausbildungsstätten. Anders als bei „Gesundheitsförderung“ oder bei „Selbstverteidigung“ verfügt Taiji hier über ein Alleinstellungsmerkmal.
Volle Unterstützung! Nur: Warum sind die harten Kampfkünste, die kriegerische Effektivität suggerieren, hier so erfolgreich? Taiji und Qigong aber nicht? Die Kids, die von Kampfkunst angezogen werden, fühlen sich schwach und möchten durch körperliches Training an Selbst-Vertrauen gewinnen. Die Übertragbarkeit von weichen, flexiblen, gewaltfreien Prinzipien könnte bei Taiji und Qigong wesentlich effektiver sein. Zumal Taiji von relativ schwachen Personen entwickelt wurde, die sich gegen hochgerüstete und lang-trainierte Räubern wehren wollten. Deshalb lägen Taiji und Qigong näher an den (friedlichen) Grundbedürfnissen der Kinder. Geeignete Partnerspiele aus unserem Kontext könnten ihnen natürlicher Bewegungskunst besonders spielerisch einfühlsam vermitteln. Wir können aus einem großen Reichtum von Körperkompetenz und achtsamer Bewegung schöpfen, müssten aber, um Kinder und Jugendliche wirklich zu erreichen, intensiv daran arbeiten, um Neues zu entwickeln. Wir müssten Spiele und Module sammeln, gestalten, systematisieren und bündeln, um Kind-gerechte Angebote zu entwickeln – die dann in vielen einzelnen Schulen angeboten (und beworben) werden könnten. Wenn sich daran Interessierte zusammenfinden würden, wäre ich gern dabei.
Noch ein Aspekt: Bildung (als körperlich-psychologische Entwicklung) steckt in der Krise. Das Überangebot fertiger Lösungen (Medien, Ki etc.) be- oder verhindert Selbst-Denken. Das Gehirn als ungetrennter Teil des Bewegungssystems wird bei Mangel an Bewegungs-Feedback-Signalen in seinen Funktionen abgebaut (und schließlich auch in der Substanz). Das ist vielfach beobachtet bei primitiven Lebewesen (Korallen, Würmern), die sich nach mühsamem Kriechen irgendwo endgültig festsetzen, und die dann als Erstes ihre Nervenzellen verdauen. In unserem Familienprojekt simbav.de sehen wir zunehmend körperlich-psychische Aufmerksamkeitsdefizite (z.B. Unfähigkeit Märchen anhören, die länger dauern als 5 Minuten, oder irgendetwas konzentriert aus Bauklötzen zu bauen …). Und ebenso bei vielen einen Mangel an körperlicher Grundkompetenz (Rückwärtsgehen, Hüpfen, Einbeinstand …) Der seit 2019 verstärkte Leistungsrückgang bei Mathematik und Naturwissenschaften (https://overton-magazin.de/dialog/im-gespraech/studierunfaehig-mit-abi/) erklärt sich u.a. auch damit, dass Kleinkinder mit allen Sinnen und allen erdenklichen Bewegungen tausende von Gegenständen an- und erfassen müssen, bevor sie eine Menge bilden können (z.B. „Ball“). Wenn sie nur viele ähnlich aussehende Muster auf einem Bildschirm sehen, können sie das nicht. Die Folgen erkennt man später in der Uni. Denn die in der Schule trainierte Hauptkompetenz ist, eine Institution erfolgreich zu durchlaufen: durch Wiederkäuen und Ausspucken vorverdauter Information. Datenmengen durchforsten und „Zuvor von irgendjemandem gesagtes oder aufgeschriebenes“ formal perfekt wiedergeben, kann aber jede KI besser. Vor einem halben Jahrhundert warnte der Verhaltensforscher Lorenz vor der „Verhausschweinung oder Verdeichschafung“ des Menschen. Er hatte gemessen, dass Wildtiere ein um ein vielfach effektivere Hirnkompetenz (und Hirnmasse) verfügen als ihre doofen Verwandten im Stall. Der Philosoph Grünewald spricht von einer „allgemeinen Verblödung“, und rät engagierten Eltern und jungen Menschen zu selbstorganisiertem Lernen: https://selbstorganisierte-bildung.de. Der Hirnforscher Gerald Hüther, der sich Jahrzehnte für einen Paradigmenwechsel der Bildung engagierte, resigniert („Ich gebe auf“ https://www.youtube.com/watch?v=eVU1Zsa7f-M). Ich bin da weniger pessimistisch. Denn in einigen anderen Kulturen scheint man das zugrundelegende Problem besser zu verstehen (https://www.medizinisches-coaching.net/coach_arzt_bewegungslehrer/gastbeitraege/klaus-hornetz.html) Auch in Deutschland gäbe es eine Chance bei einer Revolution körperlicher-geistiger Entwicklung (neudeutsch Embodiment) besonders bei Klein-Kindern bis jungen Menschen. Neudeutsch nennt sich diese Idee: Body turn. Um KI als Werkzeug handhaben zu können (also nicht nur Käfig, Gefängnis, Fußfessel oder Handschelle) muss man ganz-körperliche, natürlich-gelassene Bewegungskunst trainieren, die alle körperlichen Sinne und psychologischen Funktonen dynamisiert und entwickelt. Für Taiji- und QiGong-Erfahrene bieten sich hier unendlich viele Möglichkeiten. Anders als zielorientierten Leistungssportlern, die im Kampf gegen irgendetwas Kraft mit Gegen-kraft beantworten müssen. Denn das werden die Kampfroboter bald besser erledigen. Wenn wir die Gelegenheit, die sich uns hier bietet, nicht nutzen: Wer dann? Helmut
Hallo Helmut, es ist immer wieder schön, wie du viele Sachen und Bereiche zusammenbringst. Und natürlich hast du Recht.
Es lohnt sich zu analysieren woran es liegt, dass Taiji noch wenig bekannt ist und bei Kindern und Jugendlichen einen nicht sehr guten Ruf hat. Sie lieber die harten Kampfkünste vorziehen. Da gilt es das Image aufzubessern und aus dem Reha- und Alten- Gesundheitsbereich zu befreien. Und es braucht ein spezielles Herangehen: angepasstes Tempo, mehr Dynamik, an die jeweilige Zielgruppe und Alter angepasst. Taiji gilt erstmal als langweilig für Jugendliche. Es ist wie in China, die Jungen wollen nicht das machen was die alten im Park üben. Patrick, mein Lehrer, bietet in Shangahai seinen Unterricht für junge Chinesen an. Das macht sich im Tempo, der Sprache, entsprechendem Medienauftritt etc… bemerkbar. Und es klappt.
Ich bin gerne dabei an kindgerechten Angeboten mitzuwirken.
Norbert
Ich unterrichte Kinder in Qigong und Taiji seit 2008 in privaten Gruppen, in Kindergärten und Schulen. Wenn man Taiji und Qigong Kindern spielerisch und in einem für sie spannenden Kontext vermittelt, dann ist meine Erfahrung, dass die Kinder immer mit Freude dabei sind. Ein Kontext lässt sich durch die Anregung ihrer Phantasie und durch Geschichten und kleine wettstreitende Spiele schnell herstellen.
Dass selbst ein 6-wöchiges Qigong Programm bei Kindergartenkindern einen positiven Wiederhall zeigt, konnte ich in einer Studie (2008 bis 2010) zusammen mit der Universität Karlsruhe belegen.
https://www.schreiner-qigong.de/wp-content/uploads/Qigong-im-Kindergarten-Schreiner-hub2010_30.pdf
Ich möchte anmerken, dass die Art und Weise wie man Kinder unterrichtet auch für Erwachsene und ältere Menschen eine Bereicherung ist.
Ich denke, dass viele Kinder und Jugendliche ein falsches Bild von Taiji und Qigong haben. Dies gilt es zu ändern.
Ein anderer Aspekt ist, dass Erwachsene bereit sein müssen Kinder unterrichten zu wollen. Ja, es kann anstrengend sein und man braucht Idealismus hierfür. Aber mit einigen didaktischen Anhaltspunkten könnte man hier Kursleitern die Angst nehmen, sich an Kinder zu wagen.
Auch ich wirke gerne bei kindgerechten Angeboten mit.
Sabine